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KEINE VITAMINE BITTE!
 

Über das Elend sich nach mehr Liebe und Zuwendung zu sehnen und stattdessen Vitamine nehmen zu sollen.

Vitamine in Biogemüse oder Bioobst erinnern noch an den intensiven Geschmack von Kindheit und an die umhüllende und liebevolle Versorgung durch Mutter oder Oma. Aber Vitamine in Tabletten? Welch eine Geschmacklosigkeit. Sie erinnern an Weggeschickt-werden und Abspeisen mit: "Nimm mal die da, ich hab' jetzt keine Zeit!" Da kann es einen doch nur schütteln, oder.

Und dann wurden mir Vitaminpillen oft auch noch von Menschen angeboten, die um Zuwendung zu betteln schienen, statt sie freigiebig zu verschenken. "Kauf mal die da, gib mir mal auch noch dein Geld!" Ich fühlte mich immer abgeschreckt von dieser Mischung aus Bedürftigkeit, Forderung und Sendungsbewußtsein. Wenn ich früher von Vitaminen als Tabletten gehört habe, dann dachte ich an aufdringliche Abzocke mit Unfug und suchte das Weite.

Ich schäme mich fast, es einzugestehen: Heute nehme ich Vitamine. Ich habe sie sorgsam ausgesucht und mich mit ihnen erst zögernd angefreundet, wie der kleine Prinz mit der spöttischen Blume. Und heute fühle ich ein wenig wie er, wenn er sagt: "Ich habe sie damals nicht verstehen können! Ich hätte sie nach ihrem Tun und nicht nach ihren Worten beurteilen sollen! Ich hätte hinter all ihren armseligen Schlichen ihre Zärtlichkeit erraten sollen. Die Blumen sind so widerspruchsvoll! Aber ich war zu jung, um sie lieben zu können."

Vitamine tun mir gut und nähren mich, mit ihnen kann ich zufriedener, nachsichtiger und fürsorglicher sein. Aber ich war lange zu jung, um sie lieben zu können.

Achtung: Die Vitamine sollten naturidentisch ("orthomolekular") sein. Normale Ascorbinsäure (Vitamin C) ist spiegelverkehrt aufgebaut und steht im Ruf giftige Nebenwirkungen zu haben. Stellen Sie sich vor, Ihr Schlüsseldienst würde versuchen Ihnen einen spiegelverkehrten Schlüssel zu verkaufen! Dagegen ist L-Ascorbinsäure ("L" steht für "linksgedreht") naturidentisch.

Aber der größte Teil der Vitamine wird doch eh wieder ausgeschieden, weil er gar nicht gebraucht wird?! Davon bin ich auch heute noch überzeugt. So wie ich bei einer guten Mutter oder Oma ein reichhaltiges Frühstück bekam und nur das zu essen brauchte, worauf ich Appetit hatte und den Rest übrig ließ - so reagiert mein Körper. Er schöpft aus dem Reichtum nur, was er braucht. Leider reicht meine Gefühlssicherheit nicht, um jeden Morgen bestimmen zu können, welche Vitamine oder Spurenelemente das sind. So muß ich die gute Oma sein, die mitansieht, wie mein Körper einiges übrigläßt. Aber hätte meine Oma damals immer gewußt, was mir schmecken würde, dann wäre es mir nicht recht gewesen. Die Wohltat lag auch in der Möglichkeit zur Auswahl, dem kleinen Rausch an Freiheit.

Die Tragik der Vitamine aber ist, daß diejenigen Menschen, die sich am meisten nach Liebe und Zuwendung sehnen, die Fülle der Vitamine gar nicht annehmen können, weil sie wie ein spärlicher und schaler Ersatz wirken. Nur die, die sich selbst zu bemuttern gelernt haben, können sich diesen stillen inneren Reichtum gönnen. Ich tröste mich damit, daß selbst der kleine Prinz eine Weile gebraucht hat, bis er hinter die Dinge schauen konnte. Und so verüble ich mir nicht, daß ich so lange gebraucht habe.

Und mütterliche Nachsicht mit sich selbst macht auch ein wenig glücklicher.




 




 



 

Aktualisiert 21.4.2012